Digitalisierung Deutschland: 11 Prozent. Und das Tempo sinkt. 

Warum Deutschlands Verwaltung an Legacy-IT scheitert, und was die Schweiz mit Automatisierung anders macht 

In Zürich öffnet ein Steuerpflichtiger im Frühjahr 2026 seine Steuererklärungs-App. Die Felder sind bereits ausgefüllt: Lohn, Bankzinsen, Rente, automatisch übernommen. Er prüft, bestätigt, fertig. In Frankfurt füllt zur gleichen Zeit jemand dieselben Daten von Hand in ELSTER ein, die er zuvor von drei verschiedenen Bescheinigungen abgetippt hat. Beide Länder sind föderale Demokratien. Beide haben 26, beziehungsweise 16 teilautonome Gebietskörperschaften. Der Unterschied liegt nicht in der politischen Struktur. Er liegt in der technischen.  

823 von 7.509 Verwaltungsleistungen sind in Deutschland bundesweit digitalisiert, das sind elf Prozent. Im letzten Jahr kamen dreizehn hinzu. Bei diesem Tempo dauert die Volldigitalisierung noch über neunzehn Jahre. Das ist kein Umsetzungsproblem. Es ist ein Architekturproblem. Und 400 Kilometer südlich zeigt die Schweiz, was passiert, wenn man die Fundamente zuerst baut. 

11 % 600.000 19+ 26 
LEISTUNGEN DIGITALISIERT INSM Digimeter 2026 UNBESETZTE STELLEN dbb Monitor 2026 JAHRE BIS VOLLDIGITAL INSM Hochrechnung ALLE KANTONE VOLLDIGITAL Netzwoche / Schweiz 

Die 11-Prozent-Bilanz 

Ende 2022 lief die Frist des Onlinezugangsgesetzes ab. Bis dahin sollten alle Verwaltungsleistungen in Deutschland digital verfügbar sein. Die Bilanz: verfehlt. Das Nachfolgegesetz OZG 2.0 scheiterte im Bundesrat (lto.de). Anfang 2026 sind gerade einmal elf Prozent digitalisiert. Das Tempo sinkt, statt zu steigen (INSM Behörden-Digimeter 2026). 

Gleichzeitig verschiebt sich die demografische Grundlage des öffentlichen Dienstes. 600.000 Stellen sind heute unbesetzt (dbb Monitor 2026). In den nächsten zehn Jahren gehen 1,3 Millionen Beschäftigte in den Ruhestand, bei einer Bevölkerung, die den Nachwuchs nicht in ausreichender Zahl liefern wird (dbb/Destatis). Die Verwaltung verliert also nicht nur Stellen, sondern auch das institutionelle Wissen, das in undokumentierten Prozessen, Fachverfahren und Workarounds steckt. Wer dieses Wissen nicht in automatisierte Prozesse überführt, bevor die Generation der Wissensträger geht, steht vor einem doppelten Problem: keine Menschen und keine Dokumentation. 

Der reflexhafte Ruf nach „mehr Budget“ und „mehr Personal“ greift zu kurz. Das Problem ist nicht der politische Wille. Bund und Länder haben Milliarden bereitgestellt. Das Problem ist die technische Schuld: Jahrzehnte gewachsene Fachverfahren, proprietäre Schnittstellen, föderale Fragmentierung. Wer auf diesen Fundamenten digitalisiert, digitalisiert den Stillstand. 

Die wahren Kosten der Legacy-Architektur 

Die Zahlen sind ernüchternd. 80 Prozent der öffentlichen IT-Großprojekte mit einem Volumen über 15 Millionen Euro überschreiten ihren Zeitplan, im Durchschnitt um 47 Prozent. Knapp die Hälfte aller Projekte kostet am Ende doppelt so viel wie geplant (McKinsey/Oxford Global Projects). Das sind keine Einzelfälle. Es ist ein systemisches Muster, das aus der Komplexität gewachsener Architekturen hervorgeht. Jedes neue Digitalisierungsprojekt muss sich durch Schichten proprietärer Middleware, veralteter Datenbanken und undokumentierter Schnittstellen arbeiten, bevor die erste Zeile neuen Codes geschrieben wird. 

Auch die Privatwirtschaft kämpft mit dem Erbe: 61 Prozent der deutschen Unternehmen betreiben ihre Kernanwendungen noch auf Legacy-Plattformen (Slalom/Lünendonk). Immerhin wollen 83 Prozent ihr IT-Modernisierungsbudget 2026 erhöhen, ein Signal, dass das Bewusstsein wächst. In der Verwaltung fehlt dieses Momentum. 

Die föderale Struktur verschärft das Problem. 16 Bundesländer betreiben eigene IT-Dienstleister, eigene Fachverfahren, eigene Standards. Die Registermodernisierung, Voraussetzung für das Once-Only-Prinzip, bei dem Bürger ihre Daten nur einmal angeben müssen, wird auf mindestens zwei Milliarden Euro geschätzt (McKinsey). INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben bringt es auf den Punkt: „Deutschland bleibt eine Digitalwüste.“ 

Der Schweizer Gegenentwurf: Infrastruktur zuerst 

Die Schweiz hat ein ähnliches föderales System mit 26 Kantonen statt 16 Bundesländern und steht vor vergleichbaren Herausforderungen. Doch der Ansatz unterscheidet sich fundamental. Statt bestehende Behördenformulare einzeln zu digitalisieren, baut die Schweiz die Infrastruktur für durchgehende Automatisierung. 

Kernstück ist die staatliche digitale Identität Swiyu. 2021 lehnte die Bevölkerung per Referendum eine privat betriebene E-ID ab, und der Staat übernahm. Das Ergebnis: eine Self-Sovereign-Identity-Plattform, bei der Bürger ihre Daten dezentral speichern und selbst kontrollieren, wer darauf zugreift. Privacy by Design, nicht als Marketingversprechen, sondern als Architekturprinzip. Die Public Beta läuft seit März 2026, der vollständige Launch ist für das dritte Quartal 2026 geplant. Das Budget für die gesamte Vertrauensinfrastruktur: 160 Millionen Schweizer Franken im Zeitraum von 2023 bis 2028. 

Doch die E-ID ist kein Identitätsprojekt um der Identität willen. Sie ist das Fundament für eine Kaskade von Automatisierungen. Ab dem Steuerjahr 2025 fließen Lohnbescheinigungen, Bankzinsen und Rentenleistungen automatisch in eine vorausgefüllte Steuererklärung, das sogenannte Automated Tax Assessment (nume.ch). Der ELM-Standard (Einheitliches Lohnmeldeverfahren) verpflichtet Unternehmen, ihre Lohnsysteme bis 2026 kompatibel zu machen. Alle 26 Kantone bieten inzwischen vollständig digitale Steuereinreichung an, mit neuen kantonalen Systemen wie eTax Zug, E-Tax SG und eTAX Aargau. Die Pointe: Der Bürger muss im besten Fall gar nichts mehr tun. Die Steuererklärung ist bereits ausgefüllt, wenn er sie öffnet. Das ist keine Digitalisierung eines Formulars. Es ist die Abschaffung des Formulars. 

“Deutschland bleibt eine Digitalwüste.” 

– Thorsten Alsleben, INSM-Geschäftsführer (INSM Behörden-Digimeter 2026) 

Österreich verfolgt mit dem No-Stop-Government-Ansatz ein ähnliches Zielbild. Das Prinzip ist überall dasselbe: Nicht Formulare digitalisieren, sondern Prozesse automatisieren, auf der Basis geteilter, interoperabler Infrastruktur. 

Warum Automatisierung Infrastruktur braucht 

Der Unterschied zwischen dem deutschen und dem Schweizer Ansatz lässt sich in einer Tabelle zusammenfassen, doch er reicht tiefer als einzelne Projekte. Es geht um die Frage, ob Automatisierung auf maroden Fundamenten oder auf soliden Fundamenten stattfindet. 

Dimension Legacy-Ansatz 
(Status quo DE) 
Infrastruktur-first 
(Schweizer Modell) 
Digitale 
Identität 
Papierbasiert / eID-Karte mit geringer Nutzung; keine Wallet-Infrastruktur Swiyu SSI-Wallet: staatlich, dezentral, Privacy by Design, ab Q3 2026 (eid.admin.ch) 
Steuer- 
erklärung 
ELSTER erfordert manuelle Eingabe; keine automatische Datenübernahme von Arbeitgebern oder Banken Automated Tax Assessment: Lohn, Zinsen, Renten fließen automatisch ins vorausgefüllte Formular (nume.ch) 
Register- 
vernetzung 
Siloartige Register; NOOTS erst seit Ende 2025; 2 Mrd. EUR geschätzte Kosten (McKinsey) Once-Only-Prinzip: Daten werden nur einmal erhoben, automatisch zwischen Behörden geteilt 
Projekt- 
steuerung 
80 % Verzögerung bei Großprojekten; Budget verdoppelt sich im Schnitt (McKinsey) Modulare Umsetzung: 26 Kantone mit eigenen, aber interoperablen Systemen (Netzwoche) 
Daten- 
souveränität 
Zentralisierte Behördenspeicherung; kein einheitliches Datenschutzkonzept Self-Sovereign Identity: Bürger kontrollieren eigene Daten, dezentrale Speicherung (eid.admin.ch) 

Automatisierung auf Legacy-Systemen ist im besten Fall RPA-Pflaster: Bots, die Daten von einer Alt-Anwendung in die nächste kopieren, ohne dass sich an der darunterliegenden Architektur etwas ändert. Solche Lösungen sind heute wichtig und notwendig. Doch sie sind auch fragil, wartungsintensiv und skalieren nicht ausreichend. Automatisierung auf modernen Fundamenten – digitale Identität, vernetzte Register, standardisierte Schnittstellen – ist strukturelle Effizienz. Prozesse fallen weg, statt nur schneller abgearbeitet zu werden. Der Unterschied ist nicht graduell, er ist kategorial. 

Die Lektion ist nicht, dass die Schweiz „besser“ ist. Die Lektion ist, dass Digitalisierung ohne Infrastrukturmodernisierung ein Widerspruch in sich ist. Wer 7.509 Verwaltungsleistungen auf siloartigen Registern, papierbasierter Identifikation und proprietären Fachverfahren digitalisieren will, wird auch in neunzehn Jahren nicht fertig sein. Der Weg führt nicht über schnellere Digitalisierung einzelner Formulare, sondern über die Modernisierung der Schicht darunter. 

Was das für den DACH-Raum bedeutet 

Die gute Nachricht: Die Werkzeuge existieren. Digitale Identitäten, vernetzte Register, standardisierte Schnittstellen und Automatisierungsplattformen sind keine Zukunftstechnologie. Sie sind in der Schweiz, in Dänemark und in Teilen Österreichs bereits im Einsatz. Die Frage ist nicht ob, sondern in welcher Reihenfolge. Und diese Reihenfolge entscheidet darüber, ob Automatisierung strukturelle Effizienz schafft oder nur die Symptome einer veralteten Architektur kaschiert. 

Drei Prioritäten drängen sich auf. Erstens: Die Registermodernisierung ist keine optionale Digitalisierungsmaßnahme, sie ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt. Ohne vernetzte, standardisierte Register bleibt das Once-Only-Prinzip eine PowerPoint-Folie. Zweitens: Digitale Identität muss als Infrastruktur begriffen werden, nicht als Einzelprojekt. Die Schweiz hat gezeigt, dass eine SSI-basierte Lösung gleichzeitig Datenschutz und Automatisierung ermöglicht, wenn der politische Wille zur staatlichen Lösung da ist. Drittens: Großprojekte brauchen architektonische Governance. Das dänische Modell einer unabhängigen Prüfinstanz für IT-Projekte über zwei Millionen Euro wäre ein sofort umsetzbarer Hebel gegen die systematischen Kosten- und Terminüberschreitungen. 

Lunatec begleitet als UiPath Diamond Partner und Microsoft Partner öffentliche Verwaltungen und Unternehmen im DACH-Raum bei genau diesen Transformationen: von der Automatisierungsstrategie über die Plattformarchitektur bis zur produktiven Umsetzung. Die Erfahrung aus über hundert Automatisierungsprojekten zeigt: Die größte Effizienzreserve liegt nicht in schnelleren Bots, sondern in besseren Fundamenten. 

Erfolgsgeschichte

Case Study: Automatisierung im öffentlichen Sektor

Bewohnerparkausweise rund um die Uhr automatisch bearbeitet – statt nur zu Dienstzeiten.
Bayerische Stadt · Bürgeramt · 100.000+ Anträge p.a. · UiPath RPA · System-Integration ohne API
⚡ UiPath RPA – Individualsystem – Schnittstellen-Überbrückung
Herausforderung

Das Onlineformular für Bewohnerparkausweise und das städtische Fachverfahren waren nicht miteinander verbunden. Anträge kamen per E-Mail ins Bürgeramt und mussten von zwei SachbearbeiterInnen manuell per Copy-Paste in das Fachverfahren übertragen werden. Bei über 100.000 Anträgen pro Jahr bedeutete das dauerhaft gebundene Kapazität, lange Wartezeiten für Bürger – und keinerlei Möglichkeit, Anträge außerhalb der Dienstzeiten zu bearbeiten.

Lösung

Ein UiPath-RPA-Roboter liest die eingehenden Formulardaten aus der E-Mail, validiert die Angaben und legt den Antrag im Fachverfahren an – über dieselbe Oberfläche, die auch die Sachbearbeitung nutzt. Der Bot verarbeitet Neuausstellungen, Fahrzeugwechsel und Wohnsitzwechsel für in der Stadt zugelassene Fahrzeuge. Parallel baut Lunatec über monatliches Coaching die interne RPA-Kompetenz der Stadt auf, damit das Team eigene Prozesse selbständig weiterentwickeln kann.

1.000 h
Zeitersparnis p.a.
35 % der Anträge vollautomatisch
schneller
30 s statt 4 Min. pro Antrag
3,6 Mon.
Amortisation
40.000 € Einsparung p.a.
24/7
Verfügbarkeit
Bearbeitung in einem Tag

ÜBER LUNATEC 

Lunatec mit Hauptsitz in Frankfurt und Büros in Dubai ist UiPath Diamond Partner und Microsoft Partner. Wir begleiten öffentliche Verwaltungen und Unternehmen im DACH-Raum bei der Modernisierung ihrer IT-Infrastruktur, von der Automatisierungsstrategie über die Plattformarchitektur bis zum produktiven Betrieb. Mit tiefer Expertise im europäischen und arabischen Markt verbinden wir regulatorisches Verständnis mit Umsetzungsgeschwindigkeit. 

lunatec.de  ·  Frankfurt  ·  Dubai  ·  Shape the Automated World 

Quellen:

https://www.insm.de/aktuelles/pressemitteilungen/insm-behoerden-digimeter-2026-deutschlands-verwaltung-bleibt-digitalwueste-nur-11-prozent-der-dienstleistungen-online-moeglich

https://www.dbb.de/fileadmin/user_upload/globale_elemente/pdfs/2026/Monitor_oeffentlicher_Dienst-2026__5_.pdf

https://www.mckinsey.de/publikationen/2024-12-04-umsetzungswende-fuer-die-verwaltungsdigitalisierung

https://www.luenendonk.de/produkt/luenendonk-studie-2024-anwendungsmodernisierung-und-cloud-transformation/

https://www.luenendonk.de/neue-luenendonk-studie-legacy-systeme-bremsen-die-it-modernisierung/

https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/ozg-onlinezugangsgesetz-bundesrat-digitalisierung-verwaltung

https://www.biometricupdate.com/202402/switzerland-issues-tender-for-digital-id-with-200m-budget

https://www.biometricupdate.com/202504/switzerland-e-id-digital-wallet-open-for-public-testing

https://www.srf.ch/news/elektronische-identitaet/eidgenoessische-abstimmung-das-e-id-gesetz-wird-deutlich-abgelehnt

https://www.nume.ch/digitalisierung-schweiz-2026-e-id-automatisierung/

https://www.netzwoche.ch/news/2026-01-21/kanton-st-gallen-lanciert-neue-onlinesteuererklaerung

https://www.netzwoche.ch/news/2026-01-19/kanton-luzern-fuehrt-webbasierte-steuererklaerung-ein

https://www.nume.ch/digitalisierung-schweiz-2026-e-id-automatisierung/